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Guntram Prochaska

Guntram Prochaska - Multiple Artist

Der gebürtige Grötzinger fing bereits kleiner Bub im Alter von 4 Jahren an, Äste und Stöcke auf dem Asphalt abzuschmirgeln. Seine Mutter war Schneiderin und Guntram ritzte mit ihren Nadeln Konturen ins Holz.

 

 Guntram Prochsaka

Guntram Prochaska, seine drei Musiker, Martin Gerlach, Oberbürgermeister der Stadt Aalen und Rosina Reim, Vorsitzende unserer Gemeinschaft bei der Übergabe des neu geschnitzten Friedensengels.

 

Sein Vater Thomas Prochaska stammt aus Kutscherau, einem der 8 Dörfer der Wischauer Sprachinsel in Mähren. Nach einer glücklichen Kinderzeit besuchte er dort die Volksschule, in Lissowitz die Bürgerschule und in Brünn die Handelsschule, um später in Mährisch Weisskirchen Förster zu erlernen; der Wald, die Natur und die Bäume faszinierten ihn schon immer. Nach einem Jahr Lehrzeit in der dortigen Forstschule wurde auch er mit seiner Familie aus Kutscherau vertrieben und landete in Grötzingen. Dort baute er sich ein neues Leben auf und heiratete im Jahre 1954 die Böhmerwäldlerin Anneliese Drachsler aus Plöß. Guntram, dessen Wurzeln also in der Wischauer Sprachinsel liegen, wurde die Liebe zur Natur, besonders zum Holz bereits in die Wiege gelegt. Später, in seinen Jugendjahren wurde er dann Messdiener und Kunstturner. "Der Kunstturner ist ein impulsiver Mensch, immer auf dem Sprung", sagt er, "der Messdiener hat seine Auftritte in großen, sakralen Räumen mit gewaltiger Akustik". Beide "Figuren" - Kunstturner wie Messdiener - sind Metapher für Prochaskas späteres Werk, auch wenn der kleine Guntram lernen musste, die Kirche mit einem andern, skeptischen Blick zu sehen und er Turnen immer mehr als Wettkampf verstand.  Guntram Prochaska war auf keiner Kunstakademie.

 

Er lernte nach der Schule Modellbauer und arbeitete als Bühnenbildner. Das Schicksal der meisten jungen Männer teilte auch er. Er musste zur "Bundesweh" – das "r" meidet Prochaska bewusst. Danach landete er in München und Wien, entwarf dort Bühnenbilder, traf mit Friedensreich Hundertwasser und Ernst Fuchs zusammen, mit denen er viele Gespräche führte. Mitte der 70er Jahre zog Prochaska in die Pfalz, tourte mit der "Spontiband" und spielte typische Musik der 70er Jahre, Rock, Jazz und was man früher "Fusion" nannte – eine Mixtur aus allem mit Fantasie texten.

 

 Heimattreffen

 

Guntram Prochaska hat zu unserem 21. Wischauer Heimattreffen in Aalen im Jahre 2010 einen Friedensengel geschnitzt. Auf die Idee, mit der Säge zu arbeiten, kam Prochaska in der Sahara. In einer Zeit, "als die Ethnoschiene gerade entdeckt wurde", zog er ein Jahr durch Nordafrika und lernte einheimische Künstler kennen. Nach und nach begann er, seine typischen archaisch-totemistischen Figuren zu entwerfen. "Die Natur ist die größte Ressource, die wir hatten", sagt Prochaska, und zurück in Deutschland engagierte er sich bei Greenpeace und machte mit seinen Kettensägearbeiten beispielsweise bei den "Retten den Rhein"-Aktionen" mit. Prochaska ist ständig unterwegs. Um neben der Kunst Geld zu verdienen, überführte er früher für Mercedes-Benz LKWs nach Griechenland, Iran oder Irak; er organisierte Trekkingreisen, aber immer mit dem Hintergedanken "Vor-Ort-Arbeiten" zu schaffen – heute stehen seine Skulpturen in 40 Ländern. Mit besonderer Vorliebe zieht es ihn in Krisengebiete, z.B. in die Sahelzone, nach Kolumbien, Venezuela oder Kroatien, dorthin, wo es keine kulturelle Infrastruktur gibt, "wo ich bei Null anfangen muß". In Kroatien beispielsweise entstanden aus zwei im Krieg abgefackelten Bäumen während einer Performance auf dem Marktplatz zu lauter Techno-Musik zwei Figuren, "Brüderlein und Schwesterlein", eine Figur ist serbisch, eine kroatisch. Ich wollte mit dieser Aktion klar machen, daß es auch im Krieg Kultur geben kann", sagt Prochaska.

 

Kürzlich "emigrierte" er für einige Monate nach Florida und hinterließ seine Figuren in Parks und in Vorgärten – die amerikanische Presse reagierte begeistert. Wenn Prochaska den "jungfräulichen" Baumstamm vor sich hat "digitalisiert" sich in seinem Kopf ein Gesamtbild, beeinflusst durch die individuelle Gestalt und Maserung des Holzes. Manches ist weicher, manches härter, manches hat Astlöcher, Krümmungen etc. "Ich erschrecke das Holz mit der Säge so sehr, daß es freiwillig seine Form preisgibt", sagt er. Jeder Schritt muß sitzen, die Figuren sind schroff, kompromisslos. Die Kettensäge ist für ihn alles andere als ein Werkzeug, das zerstört. "Sie ist so sanft, daß du damit die Fingernägel feilen kannst". Prochaskas Kunst ist eine Form von Zen – "andere Menschen können virtuos mit Autos oder mit Computern umgehen. Wenn er seinen Kopfhörer und seine Brille aufgesetzt hat, ist er von der Außenwelt abgeschirmt und "beim Schöpfen spricht man nicht".

 

Der Wald ist Prochaskas zweite Heimat. Hier sucht er seine "Ästlen und Stöcklen, mit denen er die Welt stützt". "Land-art" nennt der Badener seine monumentalen Kunstwerke, die aus entwurzelten Bäumen entstehen. Er liebt seine Werke am liebsten derb, bodenständig, natürlich. Er ist naturverbunden, ohne jenen oft blutleeren, ökologischen Absolutheitsanspruch zu erheben. Seine Bildschöpfungen, wie er die kraftvollen Werke gern nennt, müssen ihm am Ende ihres Entstehungsprozesses selbst gefallen. Nur so bleibe seine Intention, mit den Kräften der Natur das Leben zu bewältigen und positiv zu verändern glaubwürdig, sagt Prochaska. (Guntram Prochaska, Rosina Reim)

 

www.guntram-prochaska.de